Aus der Klosterchronik

(August 2003 – Juli 2004)

Das Jahr verlief verhältnismäßig ruhig, was aber nicht heißt, dass es eintönig oder langweilig war. Es gab frohe und interessante Begegnungen, es gab Vorträge zur  Intensivierung des geistigen und geistlichen Lebens, es gab Feiern und Feste, es gab Konventswahlen, es gab aber auch einige Krankheitsfälle, und es gab einen Austritt aus dem Konvent. Der kam zwar nicht ganz unerwartet, war aber dennoch schmerzlich. Nach reiflicher Überlegung entschied sich Sr. Alix für den Austritt aus der Gemeinschaft. Allerdings gehört sie noch dem Kollegium der Realschule an und unterrichtet weiterhin mit viel Elan ihre Fächer Religionslehre und Deutsch, aber jetzt unter dem Namen „Frau Beverungen“, wobei der Ordensname „Alix“ weiterhin für sie von Bedeutung ist und sie ihn deshalb als Vornamen beibehält.

Schwester Regina hatte sich bei einem Sturz kurz vor Weihnachten eine Beckenverletzung zugezogen und musste stationär behandelt werden (zweimal). Ebenso waren Schwester Veronika, Schwester Monika und Schwester Josefa einige Zeit im Krankenhaus, wurden aber, Gott sei Dank, bald als geheilt oder „gebessert“ entlassen.

Mit Schwester Elisabeth Müller feierten wir am Sonntag, dem 13. Juni 2004, das goldene Jubiläum. Am 13.6.1954 hatte Schwester Elisabeth im Kloster St. Hildegard in Hagen ihre erste Profess abgelegt. Seit 1999 lebt sie mit vier Mitschwestern bei uns (nach der Auflösung des Hagener Klosters). Das Festhochamt zelebrierte Herr Rektor Reinhardt. Die Jubilarin hat die ganze Messfeier mit allen Zeremonien gut überstanden. Sie erlebte den Tag voller Glück und Dankbarkeit mit ihren Verwandten.

Am 6. Mai wurde Schwester Paula Fachenbach (früher Hagen) 85 Jahre alt. Der Geburtstag wurde gebührend gefeiert. Trotz ihres Alters leistet Schwester Paula noch Pfortendienste und kümmert sich rührend um Schwester Monika. Schwester Agnes konnte am 26.11.2003 das 80. Lebensjahr vollenden und Schwester Antonia am 3.6.2004 das 60.

Schwester Ancillas Namenstag kommt leider immer etwas zu kurz, bzw. er trägt ernsteren Charakter, da er in die Fastenzeit fällt (25. März). In diesem Jahr wurden Dias von „ungesehenen Dingen“ in unserem Haus gezeigt, die Schwester Ulrike fotografiert hatte: Ausschnitte aus großen Gegenständen. Schwester Ancilla musste erraten, wo diese Details sich in Kloster und Kirche „versteckt“ hielten, und wir durften ihr dabei helfen. Das war gar nicht so einfach!

Große Freude hatten wir, als wir am 17. Juni unseren (neuen) Erzbischof bei uns begrüßen durften. Gegrüßt hatten wir ihn schon von weitem (von der Schulpforte aus), als er nach seiner Amtseinführung am 28. September 2003, begleitet von Schützen und viel Prominenz, durch die Michaelstraße zur Paderhalle zog, wo ein öffentlicher Empfang stattfand. Schwester Ancilla hatte ihm gratuliert und ihn im Namen des Konvents zu einem Besuch eingeladen. Wir hatten Verständnis dafür, dass er zu Beginn seiner Amtszeit als Erzbischof viele andere Verpflichtungen hatte und wir uns noch gedulden mussten. Am 17. Juni feierte er mit uns die Abendmesse, „eine ganz schlichte Werktagsmesse“, die ihm so gut täte, wie er sagte. In seiner Predigt ging er auf die Nöte der Menschen unserer Zeit ein: Angst vor dem Alleingelassensein, Angst vor Einsamkeit und Krankheit und  der Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem starken Halt. Diese Sehnsucht gelte es in der Seelsorge und im Religionsunterricht auszunutzen und den Menschen den Helfer nahe zu bringen: Gott!

Gottesdienst bedeute ja nicht, wie so viele meinen: Dienst des Menschen für Gott, sondern Gottes Dienst am Menschen, besonders durch die Eucharistiefeier und die Sakramente. - Beim anschließenden Abendessen ging es locker und ungezwungen zu. Nach dem Dankgebet, das der Erzbischof selbst sprach, gab er uns noch den Tipp, wie man das Gebet auch kürzer fassen könnte, nämlich: „Für trocken und nass - Deo gratias!“

Herr Weihbischof Wiesemann war am 4. Februar unser Gast. Nach der Abendmesse aß er auch mit uns im Refektor. Am 27. Mai stand er im Auftrag des Erzbischofs unseren Wahlen vor. Alle 3 Jahre müssen laut Konstitutionen die Oberin, die Assistentin und die Ratsfrau neu gewählt werden. Das bisherige „Team“ hatte sich bewährt, so dass es wiedergewählt wurde: Schwester Ancilla als Oberin, Schwester Ulrike als Assistentin und als Ratsfrauen Schwester Veronika, Schwester Theresia und Schwester Raphaele.

Im Laufe des Jahres hatten wir mehrfach Besuch von Schwestern anderer Gemeinschaften, z.B. Schwester Hildegard, Benediktinerin aus Fulda, Schwester Laetitia, Cistercienserin aus Oberschönefeld bei Augsburg. Auch junge Frauen verbringen häufig ein stilles Wochenende bei uns, um etwas „Klosterluft zu schnuppern“. Manche von ihnen kommen wieder und leben dann einige Tage mit uns.

Einen ganz ungewohnten Besuch im Kloster hatten wir am 1. April. Schwester Theresia löste ihr Versprechen ein, einer 5. Klasse, die darum gebeten hatte, mal „das Kloster von innen“ zu sehen, die Klausur zu öffnen und  ihnen die Gemeinschaftsräume in der unteren Klosteretage zu öffnen. Damit wurden schon manche Vorurteile und falsche Vorstellungen vom Klosterleben aus dem Wege geräumt. „Hier ist es ja ganz hell. Ich dachte immer, im Kloster wäre es dunkel.“ - „Hier ist es so    leise; bei uns zu Haus ist es immer laut.“ (Ein Echo am nächsten Tag: „Ich habe meiner Mutter und meiner Oma erzählt, wie schön es im Kloster ist.“)

Um jungen Menschen die Scheu vor dem Klosterleben, möglicherweise auch vor der Ordenstracht zu nehmen, hat der Konvent sich im Januar zu einem Experiment entschlossen. Einige Schwestern tragen seitdem eine „vereinfachte Tracht“, d.h. mit halblangem Rock, weißer oder heller Bluse und einem kleinen Schleier. Es ist auch möglich, eine einfach Zivilkleidung zu tragen. An Sonn- oder Feiertagen und bei offiziellen Anlässen gehen jedoch alle in der gewohnten Tracht der Augustiner Chorfrauen, die man seit Jahrhunderten in Paderborn kennt. -

Die Exerzitien in der Weihnachtswoche hielt Frau Tusch - Kleiner, „ehemalige Zen - Schülerin, und heutige Lehrerin an der Schule für Kontemplation in Würzburg“. Sie vertiefte in uns den Weg kontemplativen Betens durch geistliche  Vorträge sowie entsprechende Übungen zu Gebetsgebärden .

Anfang Februar hielt uns Frau Wocken (Essen) einen Vortrag über unseren „Umgang mit der Zeit“. „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ So sagt Andreas Gryphius. Es gilt also, den Augenblick bewusst zu leben!

Herr Prälat Dr. Konrad Schmidt (Hardehausen) war zweimal bei uns. Zu Beginn der Fastenzeit stellte er uns die beiden „Eingangstore“ vor Augen: am ersten Fastensonntag steht die Versuchung Jesu im Mittelpunkt, am 2. Fastensonntag die Verklärung Jesu. -  Das Thema im Mai lautete: „Hat Jesus gelacht?“ Natürlich hat er das! Die Evangelien berichten zwar nur davon, dass er geweint hat. Wie das Weinen gehört aber auch das Lachen zum menschlichen Leben, und Jesus war ganz Mensch! -

Am Palmsonntag hörten wir einen Vortrag von Frau Heger: „Der Kelch des Heiles“ mit vielen Dias und Kollagen, auf denen immer ein Kelch zu sehen war, etwa inmitten einer Landschaft, in einer Großstadt zwischen Wolkenkratzern, inmitten einer Menschenmenge ...

Vom 9. bis 12. Juni besuchte Schwester Veronika als Föderationspräsidentin mit ihrer Stellvertreterin M. Heriburg (Essen) unsere Mitschwestern in Pécs (Ungarn). Dort leben nur noch fünf Schwestern: drei davon im Altenheim, die 91jährige Oberin und eine andere alte Schwester mit einer 34jährigen Postulantin im „Konvent“. Wie soll es weitergehen? - Das ist das Problem, für das eine akzeptable Lösung gefunden werden muss.

In der Osterwoche begleiteten wir die 35 Wallfahrer, die die Gedenkstätten des hl. Augustinus in Pavia und Mailand besuchten, mit unseren Gebeten und waren froh, als sie nach fünf Tagen glücklich und bereichert mit vielen Eindrücken und Erlebnissen, aber todmüde heimkehrten. Einen ausführlichen „Reisebereicht“ kann man an anderer Stelle dieses Heftes lesen.

Unser Leben vollzieht sich zwischen Zeit und Ewigkeit – das wird uns immer wieder bewusst in der Begegnung mit unseren älteren kranken und sterbenden Mitschwestern, die ihrer Vollendung in Gott entgegenharren. Krankheit, Sterben und Tod  werden somit aber auch immer zu einer Anfrage an unser gegenwärtiges  Leben , das wir nicht verlängern, sondern nur vertiefen können.

Der Prozess des Sterbens, etwa im Vollzug unheilbarer Erkrankung – stellt uns oftmals aber auch vor konkrete praktische Fragen der Gestaltung dieser unserer letzen Lebensphase :Welcher Art kann eine Sterbehilfe sein, die der Würde des Menschen im Leben wie im Sterben entspricht?

In diesem Zusammenhang haben wir uns intensiv mit der „Christlichen Patientenverfügung“ auseinandergesetzt und offene Fragen  zu deren Handhabung aufgeworfen. Wir sind Herrn Dr. Becker , Paderborn, sehr dankbar für seine fundierten Ausführungen, mit denen er uns Inhalt und Bedeutung der Patientenverfügung  darlegte und „Grenzfragen“ ethisch-religiöser Art in sehr überzeugender Art  sowohl aus medizinischer Sicht, als auch im Blick auf ein christliches Menschenbild zu beantworten versuchte.

Sr. M. Remigia Schulze-Eckel