PIERRE FOURIER
und
ALIX LE CLERC

Pierre Fourier  (1565-1640)

Daten:

Biographische Notizen:

Augustiner Chorherr und als Pfarrer im Marktflecken Mattaincourt tätig, suchte eine Antwort auf die Nöte seiner Zeit. Er war ein Pionier der kirchlichen Reform im Sinn des Konzils von Trient. In der Seelsorge ging er neue Wege. Als Pfarrer in der sittlich verwahrlosten Gemeinde sorgte er sich vor allem um die Armen und Trostbedürftigen. Weil er wusste, dass das religiös-sittliche Leben durch gesunde soziale Verhältnisse mitbestimmt wird, richtete er ein eigenes Schiedsgericht für seine Pfarrkinder ein, gründete Darlehnskassen und förderte Strickerei und Spitzenklöppeln. Außerdem erkannte er auch die soziale Tragweite der Erziehung und die Bedeutung der Frauen für die Familie und Gesellschaft. Die Mädchen aller Bevölkerungsschichten im Geiste Christi zu formen und mit Kenntnissen für das Leben auszurüsten, war für ihn eine zentrale Voraussetzung, um das christliche Leben zu erneuern.

In Alix le Clerc und vier weiteren jungen Frauen fand er Menschen, die in einer neuen Ordensgemeinschaft radikal die Liebe zu Gott und zu den Menschen leben wollten und sich die Sorge ihres Pfarrers um die Erziehung der Mädchen zu eigen machten. 1598 eröffneten sie die erste schulgeldfreie Mädchenschule Lothringens. Bald wurden in anderen Orten Schulen gegründet, die von Mädchen aller Schichten, sogar von protestantischen Kindern, besucht werden konnten, was eine revolutionäre Neuerung zur Zeit der Standesunterschiede und Glaubenskriege war. Pierre Fourier leitete selbst die jungen Lehrerinnen an.

Die Schülerinnen sollten befähigt werden, aus dem Glauben zu leben, ihre Aufgabe in der Welt zu erfüllen und notfalls den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu erwerben. Pierre Fouriers "Originalität bestand darin, in jedem Bereich und in jedem Fall Unterweisung und Pastoral, profane und religiöse Kultur zu verbinden, jede Schranke zwischen dem Zeitlichen und dem Geistlichen, die er für künstlich und unnütz hielt, zu beseitigen. Er wollte die Gläubigen die Wege des Heils lehren und zugleich mitarbeiten an der harmonischen Organisation des irdischen Gemeinwesens". Die Erziehung im Geiste des Gebetes wurde für alle Zeiten mit der Forderung verknüpft, daß die Schulen der Chorfrauen "immer auf der Höhe der besten Schulen ihrer Zeit sein" müssten.

Das St. Michaels-Kloster
Kloster und Schulen seit 1658
„Älteste Mädchenschule Westfalens“

Pierre Fourier

Gründer des Ordens der Augustiner Chorfrauen und ihrer Mädchenschulen

Fragt man in Paderborn als Fremder jemanden nach dem Michaelskloster: kein Problem. Unterhalb des Domes, an der sprudelnden Pader: ein riesiges Schulgebäude und eine Klosterkirche mit ihrer prächtigen Barockfassade. Man betritt das Schulgebäude und gerät unvermittelt in ein Haus voller Leben: 400 Schülerinnen in der Realschule, 1050 Schülerinnen im Gymnasium, unterrichtet von zusammen 94 Lehrerinnen und Lehrern; ein volles Unterrichtsangebot ohne jeden Stundenausfall, Arbeitsgemeinschaften in allen Bereichen, Wettbewerbe und Umweltprofil und Autorenlesungen und Spendenaktionen und Sanitätsausbildung und Interneträume und Gottesdienste und und ...

Das Riesenunternehmen einer Mädchenschule, Bildung und Erziehung für Schülerinnen hin zu selbständigen, selbstbewussten Frauen - und das seit 1658 in Paderborn, nun also schon 346 Jahre: ein mächtiger Baum, so alt, aber immer noch so blühend, so lebendig, alle Jahre mit neuen Knospen und Blättern und Zweigen und schattenspendender Ruhe - was muss dieser Baum St. Michael für Wurzeln haben!

Wer hat ihn gepflanzt? Wer steckt dahinter? Wer hatte die Idee? Wo also sind die Wurzeln von St. Michael?

Pierre Fourier war es, ein Lothringer - kaum einer weiß es noch, selbst in Paderborn, kaum einer kennt, wenn überhaupt, auch nur seinen Namen.

Pierre Fourier - Petrus Forerius, Heiliger der katholischen Kirche: 1565 im lothringischen Kaufmannsstädtchen Mirecourt in eine Kaufmannsfamilie geboren, von guten und frommen Eltern mit 3 jüngeren Geschwistern erzogen, von Jesuiten hervorragend unterrichtet und gebildet, Doktor der Theologie und Doktor der Rechte: ein Mann mit riesigen Zukunftschancen also!

Ja, große Karriere machen könnte er, will er aber nicht: er will Priester sein, Seelsorger, er sucht den praktischen Dienst am Nächsten.

Als der 32jährige Pfarrer von Mattaincourt wird, schlägt die Geschichte der Pädagogik (wir wissen es heute!) ein neues Kapitel auf. Der junge Priester sieht mit sprachlosem Entsetzen eine vollkommen verkommene Gemeinde, ihn trifft besonders die verwahrloste Jugend, und er begreift und greift zu: die Schule muss - nein: nicht repariert und nicht reformiert werden; dafür ist sie viel zu abgewirtschaftet, unterrichtlich wie sittlich. Eine absolut neue Schule muss her, die Jungen brauchen das, was soll sonst aus ihnen werden! Und die Mädchen haben dasselbe Recht, sie sind genauso Kinder Gottes wie die Jungen, auch bei ihnen ist jede so einmalig wie jeder Junge - und was könnte werden in den Familien, wenn demnächst ausgebildete und zur Selbständigkeit erzogene Mädchen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen könnten, vor allem aber als gebildete Ehefrauen und Mütter ihren Männern und Kindern verantwortungsvoll zur Seite stünden!

Und er trifft mit seinen Ideen auf eine junge Frau, Alix le Clerc; unzufrieden ist die 23jährige mit sich, mit ihrem Leben - was will sie? Was sucht sie? Einen reichen Vater hat sie und viel Geld und schöne Kleider, und eine angemessene Partie kann sie sich erheiraten; aber sie kann auch Nonne werden, in einem vornehmen Kloster, versteht sich, später Priorin, Äbtissin ... Alix sucht etwas anderes, etwas ganz anderes - was? Sie sucht noch - und da begegnet sie Pierre Fourier.

Eine kongeniale Begegnung: segenstiftend für ihre Zeit  und weiter durch die Jahrhunderte - bis heute ...

Ihre Zeit? Die schrie nach Reformern, nach Erneuerung, nach radikaler Veränderung. Gut, das ist im Grunde zu jeder Zeit der Geschichte so gewesen, aber manchmal wurde und wird der Schrei unüberhörbar, brach und bricht er die Mauern von Dulden und Schweigen und Bequemlichkeit - so zu Anfang des 16. Jahrhundert: Luther war aufgestanden, hatte revoltiert gegen eine allmächtige und korrupt gewordene Kirche; er hatte sie verändern wollen und spaltete sie. Nicht der Augsburger Religionsfriede von 1555 war die Folge und damit das friedliche Ende nun zwar zweier, aber in brüderlicher Eintracht miteinander lebender Kirchen - nein: Hass, ins Grenzenlose sich steigernder Hass wucherte und durchdrang die deutschen Länder und Städte und zerfraß die in Augsburg mühsam geknüpften Bande der Verständigung: zu mächtig war die katholische Kirche in die weltlichen Machthändel verstrickt, und hatte nicht Luther ebenfalls die weltliche Obrigkeit für „seine Kirche“ in Anspruch genommen? Am Ende stand der 30jährige Krieg: 30 Jahre wütete „das vom Blut fette Schwert“ (Gryphius), 30 Jahre deutsche gegen deutsche Länder, bald aber auch europäische auf dem Plan, ein ins Unermessliche gesteigerter europäischer Machtkampf; und da ging es nicht mehr um Katholische gegen Evangelische; der Kardinal Richelieu stand mit seinem katholischen Frankreich an der Seite des protestantischen Schweden gegen den in sich zerrissenen Erzrivalen Deutschland ... Der allmächtige Kirchenfürst und Staatslenker Richelieu - auch in hasserfüllter Feindschaft gegen Pierre Fourier; aber das ist noch eine andere Geschichte ...

Es gab da jedoch auch die Besonnenen, die Nachdenklichen, die, die wussten: ecclesia est reformanda, die katholische Kirche muss sich verändern, sich erneuern, sich auf ihren Ursprung besinnen und von ihm aus gestaltend in die Gegenwart eingreifen, um die Zukunft zu gewinnen; und zur Heilung an Haupt und Gliedern bedarf es neben Wichtigem anderen der Heilung der kranken Glieder auch durch gezielte und konkrete Hilfe gerade der „kleinen Leute“, bedarf es z.B. ganz neuer Schulen, braucht es eine menschenwürdige Erziehung der jungen Menschen. Ein Karl Borromäus ist zu nennen, eine Angela Merici, eine Maria Ward - und eben und vor allem: Pierre Fourier. Warum vor allem? Warum gerade er, wo doch die anderen bis heute viel bekannter sind, auch in der pädagogischen Literatur?

Keiner hat in so tiefgreifender Weise, so vorausschauend, so jene die gesamte „moderne“ Erziehung vorausdenkende Richtung gewiesen wie Pierre Fourier. „Ich will nicht selig werden ohne euch!“ Dieser Satz des hl. Augustinus hatte ihn jäh und dann unwiderruflich ins Mark getroffen; dessen Ordensregel, auf den Punkt gebracht durch seine Grunderkenntnis: die Liebe zu Gott ist unlösbar verschmolzen mit der Liebe zum Nächsten! Der Jesuitenschüler Pierre Fourier war nicht Jesuit geworden, sondern 1597 Pfarrer im erbärmlichen und nach Erbarmen schreienden Mattaincourt; hier erwuchs ihm die Vision einer menschenwürdigen Erziehung jedes Kindes, ob reich oder arm, ob Junge oder Mädchen. Und hier traf er jene Alix le Clerc und ihre 3 Freundinnen, die auch so dachten, genau so.

Und deshalb kämpfte er mit diesen zusammen einen zähen Kampf mit dem Papst, der für die Erneuerung der Orden eintrat, aber rückwärts gewandt, der sich gerade Nonnen nur in der Abgeschiedenheit der strengen Klausur vorstellen konnte - nein: Pierre Fourier und Alix le Clerc wollten beides: strenge Klausur, will heißen: totale Hingabe an Gott - und Schule für alle, will heißen: totale Hingabe an den Menschen, an das Kind. Wie hatte der hl. Augustinus doch gesagt? „Die Liebe zu Gott ist unlösbar verschmolzen mit der Liebe zum Nächsten.“

Und darum „Augustiner Chorfrauen“.

Und als der Kampf mit Rom auf Messers Schneide stand, zeigten sich Fourier wie Le Clerc unbeirrbar kompromisslos bis zu der für sie schmerzlichen Entschlossenheit: lieber ohne Klausur als ohne Unterricht!

Und beide schafften es, endgültig 1628, da war Alix schon tot, aber Pierre Fourier schrieb im Gedenken auch an sie für diesen neuen Orden die Regeln, die Konstitutionen, das Grundbuch einer totalen Gottesliebe mit den 3 Gelübden der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams wie auch einer totalen Menschenliebe mit dem 4. Gelübde einer Mädchenbildung.

Warum gerade die Mädchen? Die Frauen des 17. Jahrhundert waren der bis zur Versklavung abhängige Teil einer totalen Männergesellschaft (und wie mühsam sollte ihr Weg der Befreiung werden bis ins 21. Jahrhundert und ist es allenthalben auch heute noch!). Wollte Pierre Fourier das Augustinuswort ernst nehmen, durfte er die Mädchen nicht schlechter behandeln als die Jungen ,musste er versuchen, der spezifischen weiblichen Art genau so zu entsprechen wie der der Jungen. Und darum gründete er in Mattaincourt seine Schulreform auf getrennte Klassen, nicht nur, weil Mädchen der vernachlässigtere, der bis zur Vergewaltigung (sogar durch den Lehrer!) erniedrigte Teil waren. Nein, er spürte, ohne die späteren wissenschaftlichen anthropologischen Forschungen und deren bahnbrechende Ergebnisse zu kennen, was wir heute wissen und warum gerade heute wieder so ernsthafte Diskussionen um die Mädchenbildung (und neuerdings endlich auch speziell um die der Jungen!) geführt werden: Mädchen sind anders als Jungen, Mädchen entwickeln sich anders, und sie (und beide!) brauchen darum ihre Zeit und ihren Raum, um später als selbständige und selbstbewusste Persönlichkeiten ihre spezifischen Aufgaben in einer gleichberechtigten Gesellschaft erfüllen zu können.

Und es gründet sich Kloster um Kloster der Augustiner Chorfrauen: in Lothringen, in Frankreich, in Deutschland - und hier in Trier und in Münster und in Essen und vielerorts noch und 1658 auch in Paderborn.

Da war Pierre Fourier schon 18 Jahre tot, aber er hatte bis in seine Todesstunde neben seiner mühseligen und so erfolgreichen Arbeit als Pfarrer wie auch als politischer Berater des vom übermächtigen Richelieu bedrängten Herrschers des kleinen Lothringen geschrieben und geschrieben, um sein „Handbuch der Erziehung und Bildung“ immer dichter, immer tragfähiger, immer zukunftsweisender zu machen, getragen von der Grundidee des hl. Augustinus: „Ihr führt ein Leben wahrhaft apostolischer Menschen ... ihr seid wie zwölf Apostolinnen ... ich lade euch ein, sich mit Gott vertraut zu machen ... um mit ihm zum Wohl der Jugend zu wirken, um mit Gott zusammen zu arbeiten.“

Und so überschreibt Pierre Fourier den 3. Teil seiner „Konstitutionen“: „Von der Underrichtung deren Weltlichen Töchteren“, und er legt auf 147 Seiten dar, was es Wesentliches zu sagen gibt zu den Schwestern-Lehrerinnen und „deren aufwendigen Töchteren“.

Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet: das wird zu einer bahnbrechenden und zukunftweisenden und absolut modernen (weil zeitlosen!) Abhandlung über die Mädchenbildung?


I. Was versteht Pierre Fourier unter dem „Lebensraum Schule“?

Schule heißt: Erziehung und Bildung als Dienst am Leben, zielend auf das, was das Leben wachsen lässt, was es frei macht. Erziehung steht und kämpft gegen alles, was zerstört.

Schule muss in ihrem erzieherischen und unterrichtlichen Arbeiten immer eine Antwort sein auf die Bedürfnisse der Zeit - seid also immer offen für die stets sich wandelnden Verhältnisse - gemäß dem Wort des heiligen Paulus: „Prüfet alles, das Gute behaltet!“

Schule lebt also immer im Spannungsfeld zwischen Bewahren und verändern, zwischen Tradition und Fortschritt.

Schule muss für alle offen und zugänglich sein - darum müsst ihr alle Kinder kostenlos unterrichten: jede und jeden, wenn sie es wollen.


II. Wie stellt sich Pierre Fourier eine gute Lehrerin / einen guten Lehrer vor?

Wenn ihr ein Kind aufnehmt, sprecht mit ihm und seinen Eltern, damit ihr gemeinsam den Weg gehen könnt.

Unterricht ist caritas.

Mach den Herz weit, damit es genau so Raum hat für Gott wie für den Nächsten!

Wer diesen Grundsatz befolgt, „wandelt königliche Bahn“.

Die Schwester sollte in seinen Augen eine Person mit zwei Berufungen sein: Ordensfrau und Lehrerin. („Gott lieben heißt den Nächsten lieben“ - Augustinus - und darum: Augustiner Chorfrauen)

Ihr Lehrpersonen, macht euch mit Gott vertraut, um mit ihm zum Wohle der Jugend zu arbeiten.

Jedes Kind ist anders, jedes also verlangt die ihm geschuldete Achtung.

Widmet euch gewissenhaft der Unterweisung der Mädchen - unterrichtet sie zuverlässig!

Vermeide Ängste beim Kind, und wo du sie beobachtest, mindere sie, baue sie ab durch deine Liebe, die allein Vertrauen schafft.

Du sollst die Schülerinnen lehren: zu leben und gut zu leben.

Nimm dir Zeit für jeden, hilf gerade den Unbeholfenen: mit unendlicher Geduld, mit liebevollem Fragen und Hinhören. Lass deine Schülerinnen erfahren: Freiheit gibt es nur in der Liebe.

Interessiere dich leidenschaftlich, ja mit Zärtlichkeit, für die Fortschritte der kleinen ABC-Schülerinnen.

Klugheit der Lehrerin / des Lehrers ist gefragt, nicht allein ihr / sein Wissen.

Nie dar eine Lehrerin / ein Lehrer ein Kind beleidigen oder geringschätzig behandeln.

Bedenkt: alle Kinder sind verschieden. Lasst sie das durch euer Vorbild begreifen und weckt so die Toleranz in ihnen, also die Achtung der Verschiedenheit.

Bedenket in eurer Unterrichtsarbeit immer wieder neu: das Ziel ist die Selbstentdeckung und Selbstentfaltung jedes Kindes. Eure Erziehung muss also so angelegt sein, dass sie von jedem Heranwachsenden angenommen wird als eine Befähigung zur lebenslangen Selbsterziehung, denn Erziehung ist ein Prozess für das ganze Leben.

Betet mit euren Kindern: man kann nut Gutes tun in der Erziehung, wenn man für sich selbst bemüht ist, sich Tag für Tag neu und mehr mit Gott vertraut zu machen.

Betet mit euren Kindern, aber tut es nicht mechanisch: lehrt sie, ihr Gebet als ein Gespräch mit Gott zu erfahren.


III. Was fordert Pierre Fourier von der praktischen Unterrichtsarbeit?

Damit Kenntnisse nicht tote Buchstaben bleiben, ruft die innere Bereitschaft jeder Schülerin wach; sonst verdorren Kenntnisse zu toten Buchstaben.

Guter Unterricht erfordert diesen Dreischritt: Verlangen wecken - Belehrung - Praxisbezug.

Geht immer sanft vor: belastet den Geist der Mädchen nicht zu sehr, langweilt sie nicht, seht zu, dass die des Themas der Stunde nicht überdrüssig werden.

Wechselt im Unterricht immer ab zwischen Schwerem und Leichtem.

Sprecht in euren Konferenzen oft darüber, welche neuen Mittel und Wege man finden könne, damit die Kinder in ihrer Zeit Fortschritte machen: wie sollen sie sonst in ihrer Zeit leben können?

Stellt über den Einzelunterricht den Simultanunterricht: teilt die Kinder je nach Entwicklung und Wissen in Klassen ein, vermeidet häufigen Lehrerwechsel, sorgt für einheitliche Schulbücher, benutzt eine Wandtafel.

Wiederholt häufig, prüft immer wieder und regelmäßig den tatsächlichen Wissensstand.

Lasst die Kinder im Wettstreit sich miteinander messen: siegen lernen müssen sie, aber auch verlieren können, um sich noch mehr anzustrengen. Ermutigt jedes Kind, es so gut zu machen, wie es eben kann.

Der Stundenplan darf keine starre Zeiteinteilung kennen: je nach Fach und Thema soll auch die Länge einer Unterrichtsstunde sein.

Wählt sehr praktische Aufgaben, so wie sie in den weltlichen Geschäften üblich sind. Sprecht über nützliche Themen, damit den Kindern das praktisch Anwendbare dienlich ist in ihrem Leben.

Lehrt die Kinder ihre Muttersprache sprechen: ohne irgendwelche Affektiertheit oder Angeberei, vielmehr natürlich.

Lehrt die Klügeren Orthographie und Grammatik und Arithmetik: sie brauchen es für ihr Leben, die Jungen wie die Mädchen. Geht dabei langsam vor und klug.

Lehrt die Kinder Hygiene, Sauberkeit, Ordnung. Immer sollt ihr mit großer Sorgfalt auf die Gesundheit der Kinder achten; dazu gehört gesunde Ernährung, ausreichender Schlaf; dazu gehört auch ein ausgewogener Stundenplan.

Lehrt gerade die armen Mädchen auch Praktisches wie Nähen und andere Handarbeiten; ihr befähigt sie dadurch, später ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Seid maßvoll mit euren Strafen, aber auch fest und konsequent. Straft nie, ohne gleichzeitig im Kind Einsicht für sein Fehlverhalten zu wecken.

Bedenket immer: eine Schule ist weit davon entfernt, eine geschützte Insel zu sein; sie muss teilnehmen am Leben - am Leben des Marktortes, des Dorfes, der Gegend. Die Schule ist Teil eines Gesamten, Spiegel des Lebens.


Alix le Clerc  (1576-1622)

Daten:

Geboren am 2. Januar 1576 in Remiremont

1595 zieht Alix mit ihrer Familie nach Hymont; weil der Ort keine eigene Kirche hatte, geht sie nach Mattaincourt zur hl. Messe. Dort lernt sie Pierre Fourier kennen, dessen Predigten eine Umkehr in ihr bewirken

Am 25. Dezember 1597 gründet sie mit vier Gefährtinnen die neue Ordensgemeinschaft in Mattaincourt

Gestorben am 9. Januar 1622 in Nancy

Seligsprechung am 4. Mai 1947

Biographische Notizen:

Die Gründerin der Congregatio Beatae Mariae Virginis (C.B.M.V.) stammte wie Pierre Fourier aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Anders als Pierre Fourier hinterlässt Alix jedoch nur wenig Schriftliches. Es handelt sich um die "Relation", einen kurzen Text von etwa 20 Blättern. Alix schreibt diesen Bericht im Auftrage ihres Beichtvaters nieder und ist, wie sie sagt, bestrebt, "ihn so knapp und so wahrhaftig" abzufassen, "wie es (ihr) nur möglich ist". Zwei Abschnitte daraus:

DIE BEKEHRUNG
"Ich nahm mir vor, von nun an all das zu tun, was ich als das Gottwohlgefälligere erkennen würde und wenn es den Tod erforderte. Ich hatte den Eindruck, mein Inneres sei entleert und ein anderer Geist dort eingesenkt worden". Gott bricht unvermutet in sie ein. Wahrscheinlich ist dem schon eine innere Reifung vorausgegangen. Aber die Umwandlung wird als total erfahren. Alix weiß sich plötzlich von einem ANDEREN ergriffen.

DIE BERUFUNG
"Wenn ich zu Gott betete kam es mir immer wieder in den Sinn, es müsse ein neues Haus für Mädchen gegründet werden, um darin an Gutem zu wirken, was man nur könne. Dies bedrängte mich mit solcher Heftigkeit, daß ich mich sogleich aufmachte, es unserm Guten Vater (= Pierre Fourier) zu unterbreiten; ich bat ihn, er möge mich dies in Angriff nehmen lassen, und wies mir auf, wie schwierig es sein würde, Mädchen mit den notwendigen Voraussetzungen für die Annahme dieser Berufung zu finden".

Aus Alix' Berufung geht ihr Sendungsauftrag hervor: "Fais le grandir" - "lass es wachsen - ich gebe es dir, damit du sorgst, dass es wächst..." Dies sind die Worte, die Alix le Clerc in der Weihnachtsnacht 1597 vernimmt, als sie in einer Vision Maria schaut, die ihr das göttliche Kind mit diesen Worten überreicht. "Fais le grandir!" - "lass es wachsen!" Das bedeutet also in diesem Zusammenhang: Lass es, das göttliche Kind in dir zum Leben kommen. Lass es in dir geboren werden, lass es lebendig werden, wachsen und reifen. Lass es Gestalt annehmen in deinem eigenen menschlichen Leben. So wie Gottes Antlitz aufstrahlt im Menschsein und Menschwerden eines Kindes, ist die Mensch-werdung das zentrale Thema unserer Ordensgründung, die sich bis in unsere Gegenwart in der Zielsetzung unseres Ordens und unserer apostolischen Aufgabe durchträgt.

Zwei Temperamente offenbaren sich in unseren Ordensgründern:
"Ich (Alix) bat ihn, mich dies in Angriff nehmen zu lassen ... er (Pierre Fourier ) wollte es keineswegs ... ".
Alix' Eingebung ist klar: Gott beruft sie, eine neue, eine apostolische Ordensgemeinschaft zu gründen, "um darin an Gutem zu wirken, was man nur könne". Pierre Fourier versteht es ganz in diesem Sinne. Da er jedoch im Bilde über die Schwierigkeiten ist, die sich infolge des gültigen kanonischen Rechtes ergeben müssen, gibt er sich Rechenschaft über die Neuartigkeit dieser Berufung. Spürt er, offen wie er für die Bedürfnisse seiner Zeit ist, schon eine Beziehung zwischen Alix' intuitiver Erkenntnis und der Möglichkeit, einer dieser dringenden Erfordernisse abzuhelfen: der Erziehung der Mädchen? Aber er ist vorsichtig.

Gegen alle Widerstände blieb Alix ihrer Berufung treu. Die Sorge um den Bestand des neuen Ordens, große Entbehrungen und Schwierigkeiten hatten früh ihre Kräfte aufgezehrt. Nur vier Jahre leitete sie das erste kirchlich errichtete Kloster des Ordens in Nancy (1617). Die Genehmigung des ganzen Ordens und seiner Erziehungsaufgabe durch Papst Urban VIII. (1628) erlebte sie nicht mehr. Bei ihrem Tod (9. Januar 1622) bestanden 13 Häuser. Diese Zahl stieg bis zur Französischen Revolution (1789) auf etwa 90 mit ungefähr 4000 Schwestern an.

Von den 14 Gründungen im heutigen Deutschland überlebten fünf die Säkularisation am Anfang des 19. Jh.. Heute gibt es in Deutschland drei Augustiner Chorfrauenklöster: Essen, Paderborn, Offenburg.